Pressespiegel
MAIN POST KITZINGEN 17.04.2010
Mit dem Sams auf der roten Couch
(rödi) Es muss schon ein erhebendes Gefühl für die Grundschüler gewesen
sein: Gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Paul Maar saßen sie auf der roten
Couch der Stadtbibliothek und trugen den Zuhörern auf der
Abschlusspräsentation ihre Erzählungen vor, die sie während der zweiten
Geschichtenwerkstatt erarbeitet hatten. Die Spannung stand den Kindern ins
Gesicht geschrieben. Mit offenen Mündern und wachen Augen lauschten sie
den Worten des Mannes mit den grauen Haaren.
Schüler von neun Grundschulen und fünf Gymnasien des Landkreises hatten im
vergangenen Vierteljahr die Geschichten zu Ende geschrieben, die Paul Maar
zu erzählen begonnen hatte. Eine der Geschichten handelte etwa von einem
alten Detektiv, der gegen den bösen Doktor Fu-Man-Tschu ermitteln musste,
eine andere von einer Limonaden-Quelle, deren Existenz von den jungen
Entdeckern vor den Erwachsenen geheim gehalten werden musste.
Kreativität ohne Grenzen
Der Kreativität waren dabei keine Grenzen gesetzt. Statt die Geschichte
mit Worten fortzuschreiben, malte eine Gruppe Schüler etwa einen
Manga-Comic, eine andere produzierte eine Foto-Story. Daneben finden sich
im Geschichtsband zahlreiche Bilder, die die Geschichten illustrieren. Der
Band mit den Erzählungen wird ab Mai in der Stadtbibliothek ausliegen.
Für die Schüler war das literarische Schaffen eine Premiere, das von Maar
betreut wurden - besser gesagt: vom Sams, der literarischen Figur in den
Büchern Maars. "Ihr seid die Einzigen weit und breit, deren Geschichten
das Sams gelesen hat", beglückwünschte Rudi Schmitt die jungen Autoren.
Der Ministerialbeauftragte der Gymnasien hatte zusammen mit
Schulamtsdirektorin Irma Amrehn das Projekt organisiert, das Teil ist der
"Virtuellen Grundschule" der Regierung von Unterfranken. Ziel ist es, die
Lese- und Schreibfähigkeit zu verbessern und den Übergang von der
Grundschule zum Gymnasium zu erleichtern.
Als Autor hatten die beiden Organisatoren zu Jahresbeginn den
Schriftsteller und dessen Tochter Anne, die ebenfalls als Autorin tätig
ist, gewinnen können. Deren Aufgabe: fünf Geschichten mit offenem Ende zu
verfassen. "Ich wollte möglichst verschiedene Themen", sagte Maar, "dabei
sollte sowohl ein realistisches als auch ein fantastisches Ende möglich
sein."
Die Schüler stellte das vor keine allzu großen Probleme. Die Motivation
war extrem hoch. Das beeindruckte den Ministerialbeauftragten Schmitt:
"Ich habe in meinen 40 Jahren Dienstzeit selten erlebt, dass so viel Gutes
geleistet wird." Er nannte die literarischen Ergebnisse "äußerst kreativ
und vielfältig". Maar zeigte sich vom Ergebnis ebenfalls beeindruckt. "Ich
finde es erstaunlich, wie kreativ die Kinder zu Werke gingen."
150 Geschichten aus 36 Klassen
Dabei hatten er und seine Tochter alle Hände voll zu tun. Insgesamt 36
Klassen, teilweise in mehreren Gruppen aufgeteilt, beteiligten sich an dem
Projekt. Das bedeutete für Maar, rund 150 Geschichten von ihrer Entstehung
bis zur Fertigstellung zu begleiten und, wo nötig, zu kommentieren. "Ich
gab Anregungen, indem ich sagte, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt oder
was mir gut gefällt", erklärte Maar.
Mittels eines Chats konnten die Schüler mit Maar in Kontakt bleiben und
ihn befragen. Die Geschichten selbst wurden in einem sogenannten Wiki im
Internet veröffentlicht. Das ermöglichte es den Schülern, die Texte nicht
nur zu lesen, sondern im Web-Browser gleich online verbessern zu können.
Denn auch das gehört zu den Zielen der "Virtuellen Grundschule": Schülern
soll der Umgang mit neuen Medien näher gebracht werden.
Bildung sei nicht durch Belehrung vermittelbar, vielmehr müssten die
Schüler selbst in den Bildungsprozess mit einbezogen werden, so wie es
hier der Fall gewesen sei, sagte Rudi Schmitt. Das Projekt leistete dies
in der Tat in beispielhafter Art und Weise. Mittlerweile seien
Verantwortliche aus ganz Deutschland auf die Idee aufmerksam geworden,
teilte Schmitt mit. Zum Beweis saßen Lehrer aus anderen Landkreisen
zwischen den Zuhörern, um sich selbst ein Bild von der
Geschichtenwerkstatt zu machen.
Für das kommende Jahr kündigten Amrehn und Schmitt eine Fortsetzung der
Werkstatt an. Dann sollen auch Haupt- und Realschulen mit in den
Schreibprozess einbezogen werden.
Die kompletten Erzählungen und weiterführende Informationen zum Projekt
finden Sie im Internet unter www.uebergaengegestalten.de/686.html
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