Herr Martin fährt per Anhalter

Paul Maar: Herr Martin fährt per Anhalter
 
Herr Martin fährt per Anhalter

Herr Martin spazierte gerade die Straße entlang und betrachtete die Schaufenster. Da sah er drüben auf der anderen Seite seine Frau vom Einkaufen zurückkommen. Er blieb stehen und winkte ihr zu.
Kaum hatte er gewinkt, stoppte schon ein dicker, schwarzer Mercedes neben ihm.
Der Fahrer öffnete die rechte Tür und knurrte: “Na, steigen Sie schon ein!“
Es handelte sich offensichtlich um einen Irrtum. Der Fahrer hatte Herrn Martin winken
sehen und ihn für einen Anhalter gehalten. Herr Martin versuchte, die Sache durch einen Witz aufzuklären.
“Sie wollen mich wohl entführen?“, fragte er. “Das lohnt sich nicht. Ich kann kein hohes
Lösegeld zahlen.“
Aber der Fahrer hielt nichts von witzigen Bemerkungen.
“Das habe ich gern! Erst winken und dann lange herumquasseln!“, schimpfte er. “Was ist?
Ist Ihnen mein Auto nicht fein genug?“
“Ich finde Ihr Auto sogar sehr fein“, sagte Herr Martin. “Aber…“
Der Fahrer unterbrach ihn.
“Dann steigen Sie doch endlich ein, Mann!“, rief er.
Herr Martin versuchte ihm noch einmal zu erklären, dass alles ein Irrtum war. “Hören Sie: Ich habe nur gewinkt…“
“Das können Sie mir alles im Auto erzählen“, sagte der Fahrer. “Sehen Sie nicht, dass sich hinter uns schon eine Autoschlange bildet? Hier ist Halteverbot, Mann! Jetzt steigen Sie endlich ein!“
Jetzt fingen auch schon die anderen Autos in der Schlange an zu hupen. Der Fahrer des
Autos, das hinter dem Mercedes stand, kurbelte die Scheibe herunter und schrie: “Was ist los? Ich hab’s eilig!“
Herr Martin dachte: Ich kann ja alles im Auto erklären. Hauptsache, wir kommen hier erst mal weg. Er stieg ein und der Mercedes startete.
“Reden Sie immer so lange herum, wenn Sie per Anhalter fahren?“, fragte der Fahrer.
“Wissen Sie überhaupt, wo es hingeht?“
“Was hingeht?“, fragte Herr Martin.
“Na, unsere Reise“, sagte der Fahrer. “Interessiert Sie das nicht?“
“Da drüben ist unser Haus. Wenn Sie mich da bitte rauslassen würden!“,
sagte Herr Martin.
Der Fahrer hörte nicht hin. “Nach München“, sagte er. “Wir fahren nach München. Mal was anderes als Ihr kleines Kitzingen. Die Großstadt! Die Lichter! Gleich sind wir auf der Autobahn. Halten Sie bitte mal das Steuer! Ich will mir eine Zigarette anzünden.“
Er ließ das Lenkrad los und begann in seiner Manteltasche zu wühlen.
Erschrocken griff Herr Martin nach dem Steuer und lenkte von seinem Platz aus das Auto.
Der Fahrer holte erst eine Brieftasche, dann eine Pistole heraus und legte beides auf sei-nen Knien ab. Dann eine Packung Zigaretten.
“Da sind sie ja, die Glimmstängel“, sagte er dabei. “Diese Biester verstecken sich immer
ganz unten in der Tasche.“
Er steckte die Brieftasche und die Pistole wieder zurück und zündete sich dann eine
Zigarette an.
“Gut gelenkt!“, lobte er. “Sie scheinen selbst Autofahrer zu sein. Ich frage mich, warum Sie dann per Anhalter fahren.“



Fortsetzung:

B Klasse 3c GS Kitzingen-Siedlung / 5a AKG Kitzingen - eine Teamarbeit

Es handelt sich um ein Missgeschick“, sagte Herr Martin. “Ich wollte meiner Frau auf der anderen Straßenseite zuwinken. Sie haben den Gruß wohl als Zeichen zum Anhalten verstanden.“ Der Autofahrer murrte: “Das ist ja alles schön und gut, aber jetzt wollen wir uns mal vorstellen. Ich heiße Sheyk lau Monsu ke Mala. Sie können mich aber auch nur Sheyk nennen. Wie heißen sie denn?“ “Ich bin Herr Paul Martin“, flüsterte der Anhalter.
Herr Martin schaute ab und zu aus dem protzigen Mercedes. Irgendwann sah er schon die ersten Hochhäuser. Doch da bog Sheyk in eine Seitenstraße ein. Sheyk nuschelte zu Paul: “Wir nehmen eine Abkürzung.“

 Warum beharrt Herr Martin nicht darauf, auszusteigen? Er hat doch gerade erklärt, dass er gar nicht mitfahren möchte? Es ist noch alles offen, ich bin gespannt, wie es weitergeht.
 
Fortsetzung der 3c:

Herr Martin und Sheyk fuhren auf unendlich vielen Feldwegen, bis sie an einem verlasse-nen alten Bahnhof ankamen. Als sie ausstiegen sagte Paul Martin: “Seit wann ist denn hier ein Bahnhof? Das wusste ich nicht!“ Sheyk schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete. Er flüsterte leise Herrn Martin zu: “Die Luft ist rein, wir können loslaufen!“ Sie schlichen ein Stückchen am Bahnhof entlang, bis die beiden an einem hohen Bretter-haufen ankamen. Als sie davor standen, fragte Paul Martin: “Wo sind wir, was ist hier?“ “Das wirst du noch sehen“, antwortete Sheyk. Sie schoben die Bretter auf die Seite und öffneten eine versteckte Luke. Sie stiegen eine knacksende Leiter hinunter. Es war sehr kalt und es lagen überall Steine und Dreck herum. Die beiden Männer liefen durch viele unheimliche Gänge, bis sie an eine Stelle kamen, die eingestürzt war. Sheyk räumte ei-nige Steine weg. Nach einer Weile kam plötzlich eine Tür zum Vorschein und er öffnete sie. Dahinter war ein voll gestopfter Raum, in dem Schmuggelware lag. Paul Martin riss überrascht seine Augen auf, sein Mund war weit geöffnet. Er fragte: “Woher hast du die Ware?“ “Das geht dich nichts an“, antwortete Sheyk mit verärgerter Stimme, “das musst du nicht wissen!“ Paul Martin fragte ihn weiter: “Warum hast du mich hierher geführt?“ Sheyk schrie: “Auch das musst du jetzt nicht wissen!“ Herr Martin bettelte weiter und Sheyk erklärte es endlich: “Ich werde vom Eigentümer der Schmuggelware verfolgt. Wenn ich geschnappt werde, sollst du die Sachen haben.“ “Warum ausgerechnet ich?“, wollte Paul wissen. “Wirst du später erfahren!“, bekam er zur Antwort. Was Herr Martin nämlich nicht wusste, dass Sheyk sein einziger Bruder war.
Dann kletterten sie wieder die Leiter hoch, liefen zum Auto zurück und fuhren schnell weg. Sheyk setzte Martin an einer einsamen Stelle am Waldrand aus, Sheyk fuhr weg. Plötzlich kam ein Mann in einer dunkelschwarzen Limousine angefahren und hielt an. Da entdeckte plötzlich Sheyk im Rückspiegel, dass der Fahrer der schwarzen Limousine der Mann der Schmuggelware war. Sheyk raste zu Paul Martin zurück und schrie durch das offene Fenster: “Steig schon ein!“ Paul stieg bei Sheyk ein und die beiden fuhren mit vol-lem Karacho los, so schnell, dass die schwarze Limousine ihnen fast nicht folgen konnte.

Fortsetzung der 3c/5a:

Herr Martin fragte: “Warum hast du mich wieder einsteigen lassen?“
Sheyk antwortete: “Das erzähle ich dir später.“
Sie rasten immer noch mit 120 km/h durch die Innenstadt. Die Limousine verschwand plötzlich, wie vom Erdboden verschluckt. Sheyk fuhr aufgeregt in Richtung Marienplatz. Er hielt vor einem blauen Einfamilienhaus an und sagte: “Komm mit rein, ich muss dir etwas zeigen.“
Zusammen traten sie in das Haus ein. Verwirrt sah sich Herr Martin im Gang um. Überall entdeckte er Bilder von seiner Familie. Da fragte er neugierig: “Warum hängen hier Bil-der von meinen Eltern und mir?“
“Komm mit“, entgegnete Sheyk und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchen-tisch. Er zeigte Herrn Martin ein Bild, auf dem zwei Jungen im Alter von zwei Jahren zu sehen waren.
Herr Martin betrachtete das Bild genau und fragte: “Wer sind diese zwei Jungen?“
Darauf antwortete Sheyk: “Das sind wir, du und ich. Du bist mein Bruder!“

Fortsetzung der 5a:

Herr Martin schmunzelte: “Du willst mir wohl einen Bären aufbinden.“
“Du bist mein Bruder“, wiederholte Sheyk.
“D– da-das kann nicht sein“, stotterte Herr Martin verwundert und musste sich setzen. “Aber wie hast du mich gefunden? Und woher wusstest du, dass ich winken oder ob ich überhaupt spazieren gehen würde?“, fragte Herr Martin verwirrt.
“Zufall“, antwortete Sheyk und zuckte mit den Schultern, “aber als ich dich winken sah, erkannte ich dich sofort und wollte dich mitnehmen. Aber nun komm, wir bringen die Ware zu dir nach Kitzi, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Dann bringen wir das Zeug zurück nach Ungarn.“
Sie gingen aus dem Haus, und fuhren zum Bahnhof, wo sie die Schmuggelware unter Ächzen und Stöhnen zurück ins Auto schafften.
“Man was ist das für Zeug? Elefanten?“, fragte Herr Martin prustend.
“Nö, eigentlich nur Kippen“, entgegnete Sheyk.
Plötzlich hörten die beiden Motorengeräusche. “Mist, das ist Dad!“, brüllte Sheyk.
“Dad?“, fragte Paul Martin verwundert.
“Erklär ich dir später, wir müssen hier weg“, drängte Sheyk.
Sie hasteten zum Auto, rissen die Türen auf und rasten los. Nach zehn Minuten Fahrt wiederholte Herr Martin seine Frage: “Wieso hast du diesen Mann Dad genannt?“
“Na ja, deine Mutter war doch alleinerziehend, denn unsere Eltern haben sich getrennt. Mum und Dad wollten aber beide das Sorgerecht, also lebte ich bei unserem Vater und du bei unserer Mutter“,erklärte Sheyk, “und außerdem ist Dad Händler geschmuggelter Ware, das war übrigens auch der Scheidungsgrund. Als ich erfahren habe, was unser Va-ter tagsüber wirklich macht, beschloss ich, wegzulaufen, denn er hielt mich gefangen und sagte auch noch, es wäre zu meiner eigenen Sicherheit. Doch mit 20 Jahren lief ich weg. Um mich finanziell über Wasser zu halten, war ich einmal Taxifahrer, doch dann hab ich aufgehört und bin jetzt ein Ein-Mann-Polizeidienst. Der jeweils ausgesetzte Finderlohn finanziert mein Leben.“
Als Sheyk fertig gesprochen hatte, waren sie auch schon auf der Autobahn. Die Fahrt dauerte gefühlte 20 Stunden. Als sie endlich in Kitzingen ankamen, hatten sie riesigen Hunger und beschlossen erstmal bei McDonald’s zu essen.
Herr Martin schmunzelte: “Du willst mir wohl einen Bären aufbinden.“
Dann fuhren sie zur Polizei in der Schrannenstraße. Sie erzählten die ganze Geschichte. Sheyk vom Ausbruch aus dem Haus des Vaters, Herr Martin vom Bahnhof, der Schmug-gelware und der schwarzen Limousine.
Der Polizist machte ab und zu “Hm“ oder “Oh“ oder “Ah“ und kritzelte auf einem Block herum. Als die beiden fertig waren mit Erzählen, meinte er: “O.K., wir überprüfen das, ich hätte gern mal die Schmuggelware gesehen.“
Herr Martin und Sheyk holten die Schmuggelware aus dem Kofferraum des Mercedes.
Der Polizist erkannte die Zigaretten sofort: “Die wurden in den 80-ern bei einer großen ungarischen Firma geklaut. Bei dem Überfall wurden auch zwei Polizisten getötet und fünf schwer verletzt. Wartet hier, ich rufe in München an und gebe durch, dass die Leute dort zu der Adresse, die ihr mir genannt habt, einen Streifenwagen hinschicken sollen. Macht euch keine Sorgen, den haben wir in null Komma nix.“
Die beiden Brüder wurden entlassen und fuhren zu ihrer Mutter, welche die beiden glück-lich in den Arm schloss, und Sheyk durfte bei ihr wohnen.
Sie fuhren weiter zur Wohnung von Paul Martin, wo ihn seine Frau umarmte. “Wo warst du bloß?“, fragte sie mit Tränen in den Augen.
“Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte“, entgegnete Paul Martin, doch er erzählte sie ihr geduldig.
Ein paar Tage später rief die Polizei an und sagte: “Wir haben ihn - er hat auch schon gestanden. Und wir dürfen euch mitteilen, dass Ihr ab heute Ehrenpolizisten in unserer beschaulichen Stadt sind.“
Herr Martin und Sheyk freuten sich riesig. Seit diesem Tag lösten sie gemeinsam einen Fall nach dem anderen. Sheyk hatte sich in Kitzingen gut eingelebt, hatte eine schöne Frau und zwei Kinder und verstand sich mit der Familie seines Bruders sehr gut. Seinen Vater besuchte er oft im Gefängnis. Dieser hat sich geschworen, dass er ein besserer Mensch wird wenn er die Strafe abgesessen hat.

Der Lesebär kommentiert:

Die Geschichte hat viele überraschende Wendungen, das gefällt mir gut. Am Anfang klingt es ja so, als ob Sheyk auch Schmuggler ist, das ist vielleicht ein wenig verwirrend.


 

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