Irma Amrehn: Übergänge gestalten

Kinder fördern und begleiten! Kinder stark machen für die Zukunft!

Der Weg eines Kindes in das Leben in unserer Gesellschaft ist gekennzeichnet durch zahlreiche Veränderungen und Herausforderungen, denen es in der Regel in Begleitung von Eltern, Familienmitgliedern, verschiedenen Bezugspersonen und professionellen Erziehern begegnet und mit deren Unterstützung es neue Aufgaben erfolgreich lösen kann. Viele Schritte muss es selbstständig gehen, und es muss dabei auch aus eigener Kraft vorankommen.

Der Übergang von einer dem Kind  vertrauten Umwelt, von einer Bildungseinrichtung in eine folgende, spielt eine herausragende Rolle bei der Bewältigung von neuen Lebenssituationen. Dazu gehört der Wechsel von dem gewohnten Tagesablauf in der Familie in die Kindertagesstätte genauso wie der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Der Übertritt in eine weiterführende Schule nach der Grundschule spielt eine wesentliche Rolle für den Verlauf des Bildungsweges, bei dem die Übergänge in Ausbildung bzw. Studium und Beruf folgen. Auch im privaten Bereich stehen Menschen immer wieder vor Veränderungen. Sie müssen sie sich dabei auf neue Perspektiven einstellen und in einer veränderten Rolle zurechtfinden.

Die positiven Erfahrungen bei der erfolgreichen Bewältigung eines Übergangs stärken das Kind für die nächsten Schritte in seiner Laufbahn, lassen es Kompetenzen für weitere Übergangsbewältigungen erwerben. Sind Strategien für den Umgang mit Veränderungen einmal verinnerlicht, können sie für zukünftige Situationen angewendet und ergänzt werden.

Irma Amrehn: Übergänge gestalten

Damit die Schnittstellen zwischen den einzelnen Stationen im schulischen Werdegang eines Kindes geschlossen und durch deren enge Verzahnung ein gelingender Übergang gewährleistet werden kann, müssen all diejenigen, die an der Erziehung und Bildung unserer Kinder beteiligt sind, vor allem Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte an einem Strang ziehen. Sie tragen gemeinsam Verantwortung, um für die Heranwachsenden eine weitestgehende Kontinuität ihrer Entwicklungs- und Lernprozesse zu gewährleisten.

Dabei gilt es einerseits, die Persönlichkeit der Kinder zu stärken und ihnen Sozialkompetenz zu vermitteln; andererseits bedarf es der Wissensvermittlung sowie der Förderung ihrer individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Kinder sollen die eine Bildungsphase erfolgreich abschließen und auf die nachfolgende adäquat vorbereitet werden. Das System muss für fließende Übergänge sorgen, damit die Anschlussfähigkeit ermöglicht wird.

Daraus ergibt sich konsequenterweise die Aufgabe für alle Beteiligten, diese sensible Phase des Übergangs bewusst zu gestalten und stets das Kind im Mittelpunkt aller Bemühungen zu sehen.
Nur gemeinsam können wir  Brücken bauen ganz im Sinne des Pädagogen Hartmut von Hentig, der die Ziele mit seiner Aufforderung klar benennt, nämlich „die Sachen zu klären und die Menschen zu stärken.“

Nach dem bereits erfahrenen Übergang von der Familie in die Kindertagesstätte und dem bewältigten Schuleintritt warten nach der vierjährigen Grundschulzeit  wieder umfangreiche Veränderungen auf unsere Schülerinnen und Schüler: ein längerer Schulweg, ein neues Lernumfeld, neue Klassenkameraden und, bedingt durch das Fachlehrerprinzip, viele neue Lehrkräfte. Der Tagesrhythmus ändert sich, selbständiges Lernen und Arbeiten werden zunehmend erforderlich.

Der Auftrag, das Kind an dieser Schnittstelle zu begleiten, wurde bereits in den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1960 im Kern formuliert und in den folgenden Jahren explizit zum Ausdruck gebracht: „Der Übergang von einer Schulart in die andere ist für die Entwicklung des jungen Menschen von so weit tragender Bedeutung, dass er mit aller Behutsamkeit und Sorgfalt vorbereitet und vollzogen werden muss.“

(KMK: Übergang von der Grundschule in Schulen des Sekundarbereichs I. Informationsunterlage des Sekretariats der Kultusministerkonferenz. Stand: März 2006, S. 5, Beschluss der KMK vom 8./9.12.1960 in der Fassung vom 23.03.1966)

Die Erfahrung zeigt, dass die Kooperation zwischen der abgebenden Grundschule und der aufnehmenden Schule, sei es die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium, gelingt, wenn die Betroffenen zu Beteiligten werden, wenn die Zusammenarbeit von den Personen initiiert und getragen wird, die es unmittelbar betrifft. Die Gestaltung eines reibungslosen Übergangs von der Basis aus, von unten nach oben, nimmt Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulaufsicht gleichermaßen mit in die Verantwortung, berücksichtigt die individuelle Bedarfslage und wirkt motivierend.

Um dieses Engagement nicht auf die Einsatzbereitschaft Einzelner zu fokussieren, sondern alle an den Schnittstellen arbeitenden Pädagogen zu befähigen, diesen Bildungsauftrag professionell umzusetzen, bedarf es der Unterstützung durch die Schulleitungen und der jeweils zuständigen Schulaufsicht.

Begegnungen brauchen neben einem inhaltlichen Schwerpunkt auch einen organisatorischen Rahmen. Die so entstehenden lokalen Strukturen innerhalb eines Schulamtsbezirks bilden die Basis für nachhaltige, zukunftsfähige Strukturen in einem Regierungsbezirk. Sie ermöglichen das Lernen an Good-Practice-Beispielen; Synergieeffekte können genutzt werden. Der Blick über den Zaun des eigenen Wirkungsbereichs bereichert nicht nur die Arbeit; vielmehr ist sie Voraussetzung für den Aufbau von Netzwerken. Schließlich befinden sich vor Ort die „Keimzellen“ der Zusammenarbeit: die Kollegien der Grund-, Haupt- und Realschulen sowie die der Gymnasien.

Der Prozess einer effektiven Kooperation dient der Optimierung des Übergangs von der Grundschule in die weiterführenden Schulen und muss in den Köpfen der Beteiligten beginnen. Die verantwortliche Lehrkraft achtet nicht nur auf die eigene Schulstufe, sondern sie richtet ihren Blick auch auf die nächst folgende und berücksichtigt den weiteren Bildungsweg der ihr anvertrauten Schüler. Das gilt auch in umgekehrter Weise: Welche Voraussetzungen die Viertklässler mitbringen, an welcher Stelle die Lehrkräfte der aufnehmenden Schule sie „abholen“ können und worauf sie im individuellen Fall Rücksicht nehmen müssen – all diese Themen fordern ein Aufeinanderzugehen und schließlich eine fachliche Zusammenarbeit geradezu heraus.

Wenn Grundschullehrer wissen, wem Sie ihre Schüler nach der 4. Klasse anvertrauen und wenn umgekehrt die Lehrkräfte der 5. Klassen diejenigen kennen, von denen sie die Schüler übernehmen, ist der erste, notwendige Schritt bereits getan. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der kontinuierlichen Information über aktuelle Themen, Lehrplaninhalte, fachliche Schwerpunkte u.v.m.  Dies erfordert Zeit und Engagement der einzelnen Pädagogen und bedarf darüber hinaus der Unterstützung durch einen entsprechenden Rahmen, der erst geschaffen werden muss.

Brücken bauen: Beteiligte zusammenführen

Intensität und Qualität der Zusammenarbeit sind zweifelsohne vom Engagement der beteiligten Personen abhängig. Es gilt jedoch, die Kooperation aus der Beliebigkeit herauszunehmen und – der Professionalität von Lehrkräften entsprechend – allgemein gültigen Standards anzupassen. Wenn Betroffene zu Beteiligten werden sollen, müssen auf verschiedenen Ebenen Begegnungen ermöglicht und ein effektiver Austausch angeregt werden.

Beispiele hierfür sind:

•    Gemeinsame Konferenzen zu fachgebundenen Themen
•    Einsatz von Grundschullehrkräften an Realschulen und Gymnasien
•    Lehrer- und Schülerhospitationen mit anschließender Reflexion
•    Gemeinsame Fortbildungen
•    Schulartübergreifende Projekte
•    Schnupperstunden für Viertklässler in weiterführenden Schulen
•    Rückmeldungen der Fünftklässler an die Grundschule nach dem ersten Jahr in der weiterführenden Schule
•    Fragebögen zum Übergang für Schüler in der 5. Klasse (Rückblick)
•    Gemeinsame Veranstaltungen mit Eltern
Kooperation wird erst dann nachhaltig wirksam, wenn auch Schulleiter und Schulaufsicht in ihrer Vorbildfunktion dieser Aufgabe eine hohe Priorität einräumen. Jours fixes oder die Organisation schulartübergreifender Fachkonferenzen sind mehr als nur äußere Zeichen der Verbundenheit. Sie beheben Informationsdefizite und erleichtern bzw. vertiefen das Verständnis für die andere Schulart.

Voneinander wissen: Inhalte klären

Eine stabile personale Komponente ist die Voraussetzung dafür, dass die Beteiligten auch voneinander lernen können. Die Bedeutung der Übergänge für die Entwicklung unserer Kinder muss sowohl in die erste und zweite Phase der Lehrerausbildung als auch in die Lehrerfortbildung Eingang finden, um Kenntnisse über Lehrpläne, Methoden und Verfahrensweisen der jeweils anderen Schularten zu erhalten und zu vertiefen.

Folgende Themen sollten systematisch angegangen werden:

•    Lehrpläne der verschiedenen Schularten
•    Hauptfächer und ihre Inhalte
•    Lehr- und Lernmethoden
•    Formen der Leistungsmessung und -beurteilung
•    Schulartspezifische Rahmenbedingungen und Strukturen
•    Bildungswege und Bildungsabschlüsse
Die gemeinsamen Treffen dienen dem fachlichen Austausch und einem Informationszuwachs. Ausgehend von einem konkreten Thema entwickeln sich Gespräche und es ergeben sich zusätzliche Anknüpfungspunkte für die weitere Zusammenarbeit.

Nachhaltigkeit erzielen: Strukturen schaffen

Einzelne Maßnahmen sind zeitlich und lokal gebunden, punktuell Projekten oder Aktionen zugeordnet und von den jeweiligen Personen abhängig. Deshalb muss darauf geachtet werden, dass Kontinuität entstehen kann. Geeignete Strukturen helfen in diesen Situationen, die erforderliche Nachhaltigkeit zu erzielen.

Dies kann geschehen durch:


•    Schaffen einer regionalen, schulartübergreifenden Steuergruppe an der jeweiligen Regierung
•    Bilden einer schulartübergreifenden Steuergruppe auf Schulamtsebene (paritätisch besetzt)
•    regelmäßige Jours fixes der Schulaufsicht (Bereichsleiter der Volksschule, Ministerialbeauftragte der Realschulen, Ministerialbeauftragte der Gymnasien)
•    Dienstbesprechungen auf regionaler Ebene (Schulaufsicht, „Kleeblätter“ Englisch, Fachberater)
•    Rückkoppelungsveranstaltungen für die an Realschulen und Gymnasien eingesetzten Grundschullehrkräfte
•    Zusammenarbeit mit der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen
•    Veranstalten regionaler Fachtagungen
Die aufgebauten Strukturen müssen regelmäßig überprüft und der aktuellen Situation angepasst werden. Personale und inhaltliche Veränderungen erfordern unter Umständen auch eine Korrektur der vorhandenen Strukturen, damit sowohl die Wirksamkeit der Maßnahmen als auch ihre Nachhaltigkeit gesichert sind.

Wenn dieser Prozess an der Basis begonnen wird, gelingt es schnell, die notwendige Kommunikation unter den Beteiligten in Gang zu setzen. Auf dieser Grundlage können dann die weiteren Aktivitäten so angelegt werden, dass dauerhafte Strukturen entstehen. Dieser Prozess bedarf einer behutsamen Steuerung, die die Beteiligten mit einbezieht.
Entscheidungen müssen im Sinn einer späteren Optimierung veränderbar sein – immer mit dem Blick auf eine „Architektur des Übergangs“, die es möglich macht, dass die Ergebnisse nicht aus den Bedürfnissen Einzelner heraus entstehen und somit leicht dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt sind, sondern aus professionellem Handeln erwachsen.

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