"Soft Step - Übergänge gestalten " im Landkreis Haßberge

 

Arbeitskreis "Schulentwicklung nach PISA"

Ende Februar 2002 hat Herr Landrat Rudolf Handwerker als Reaktion auf die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsuntersuchung "PISA" alle SchulleiterInnen im Landkreis, VertreterInnen des Schulamtes, des Jugendamtes und der Gemeinden sowie KindergartenleiterInnen zu einer Diskussionsrunde ins Landratsamt eingeladen. Sein Ziel war es, gemeinsam herauszufinden, welche konkreten Folgerungen in den einzelnen Einrichtungen und auf Landkreisebene insbesondere in Zusammenarbeit der Schule mit dem jeweiligen Sachaufwandsträger aus der PISA-Studie gezogen und umgesetzt werden können.


Im Rahmen dieses Treffens wurde auf Initiative von Herrn Landrat Handwerker der Arbeitskreis "Schulentwicklung Landkreis Haßberge" ins Leben gerufen. Dieser hatte sich sodann am 25. Juni 2002 konstituiert. Er tagt zweimal jährlich und setzt sich zusammen aus LehrerInnen aus allen Schultypen, KindergartenleiterInnen, VertreterInnen des Schulamtes, des Jugendamtes und des Landratsamtes, der Gemeinden und des Kreistages, insgesamt aus 20 Personen.

Der Arbeitskreis beschäftigt sich mit Überlegungen zu Konsequenzen, die aus der PISA-Studie zu ziehen sind, soweit diese zum einen unmittelbar und zum anderen auf lokaler Ebene umsetzbar sind. Er entwickelt unter Berücksichtigung des Datenmaterials der Schulbedarfsplanung für den Landkreis Haßberge aus der Praxis heraus Vorschläge und Forderungen, die aus dem schulischen Bereich an die Kommunalpolitik und -verwaltung gerichtet sind.

>>> Konsequenzen

Als eine Konsequenz aus der PISA-Studie wurde dabei erkannt, dass Kindertagesstätten auch als Teil des Bildungssystems begriffen werden müssen und dass der Qualität der vorschulischen Bil-dung künftig größere Bedeutung zukommen muss.

Als ein weiterer Themenschwerpunkt wurde herausgearbeitet, dass es von besonderer Wichtigkeit ist, die Übergänge vom Kindergarten in die Grundschule und von der Grundschule in die weiterfüh-renden Schulen so zu gestalten, dass diese von den Kindern nicht als verunsichernde Umstellun-gen, sondern als evolutionäre Prozesse empfunden werden, die sie nicht nur passiv durchlaufen, sondern aktiv und mit persönlichem Gewinn bewältigen. Fachkräfte aus den Kindergärten des Landkreises formulierten den Wunsch nach mehr Kooperation mit der Schule.

 

Zusammenarbeit Jugendamt - Schulamt im Projekt Soft Step

Als praktischen Ausfluss aus dieser Forderung hat die Leiterin des Kreisjugendamtes ein Modell-projekt initiiert, in dessen Rahmen Standards und Verfahren erarbeitet worden sind, welche die Übergänge pädagogisch gestalten sollen.

Die Kinder sollen stark gemacht werden und es soll ihnen vermittelt werden, dass der Übergang in die Grundschule und von dort in die weiterführende Schule eine Herausforderung ist, die sie be-wältigen können. Die Bewältigung von Übergängen ist eine Grundkompetenz für das Leben, das ja voller Umbrüche ist.

Für die finanzielle Förderung des Modellprojekts konnte die Sparkasse Ostunterfranken gewonnen werden, die den Großteil der Kosten im Rahmen eines social sponsoring übernommen hat.

Das Modellprojekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut PROSOZ Herten GmbH durchge-führt, welches sich bereits mit der Verbesserung der Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule beschäftigt hat. Das Institut hat die aus dem Arbeitskreis stammende Idee der Erweiterung der Problematik auf den Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen aufgegriffen und hat die Veranstaltungen und Workshops der Projektgruppe moderiert.

Zusammensetzung der Projektgruppe

Die Projektgruppe setzte sich zusammen aus insgesamt 17 Personen, LehrerInnen, Kindergarten-leiterinnen, Vertreterinnen des Schulamts und des Jugendamts. Das Besondere an dem Konzept bestand darin, dass die Teilnehmer aus den Bereichen der Schulen und Kindergärten jeweils zu so genannten Tandems zusammengefasst wurden, die nicht nur in den einzelnen Seminarmodulen, sondern dazwischen sowie danach vor Ort miteinander praktisch zusammenarbeiteten. Es wurden Tandems für die Schulstandorte Haßfurt, Hofheim, Ebern und Eltmann gebildet. Diese Tandems haben unter Einbeziehung weiterer Pädagogen so genannte Qualitätszirkel ins Leben gerufen, um die Fragestellungen auf breiterer Basis zu erörtern und Lösungen zu erarbeiten; siehe Mitglieder der Projektgruppe (S. 10) und der Qualitätszirkel (S. 11/12).



Zeitlicher Ablauf des Projekts

Die Projektgruppe traf sich im Landratsamt zu einer Auftaktveranstaltung am 27./28.05.2003 sowie zu drei jeweils 2-tägigen Modulen am 10./11.07.2003, am 17./18.09.2003 und am 15./16.01.2004. Im Anschluss daran wurde eine Redaktionsgruppe unter Leitung von Frau Schulrätin Brech gebil-det, welche die Arbeitsergebnisse in dieser Handreichung zusammenfasste und der Projektgruppe sodann am 25./26.03.2004 zur abschließenden Beratung vorstellte. Mit der Schlussveranstaltung am 12.05.2004 geht diese Handreichung an alle Schulen und Kindergärten im Landkreis Haßber-ge.

Soft Step - die Idee

Der große Pädagoge Hartmut von Hentig, der seine ersten Schuljahre in Amerika erlebte, wurde einmal gefragt: „Sagen Sie mal, wie war denn Ihr erster Schultag?“ – „Ich hatte zwei erste Schultage. Der eine in einer kleinen deutschen Privatschule missglückte gänzlich. Ich machte in die Hose und wäre dort unglücklich geblieben. Mein Vater steckte meine Schwester und mich dann in eine amerikanische Schule. Er brachte uns selber hin, hielt eine große Ansprache an die Lehrerin über das, was er von der Schule, besonders für mich, erwartete. Ich sollte zu einem tapfe-ren, tüchtigen, verantwortungsvollen Menschen erzogen werden. Die Lehrerin ließ ihn ausreden, streckte dann ihre Arme aus und stellte uns an ihre Seite. Sie lächelte den Vater an und meinte: „Don’t mind, Sir, we will make him happy“.

Das spielte sich vor 70 Jahren ab, aber an den Gefühlen der Kinder und ihren Vorstellungen, was die Schule betrifft, hat sich wenig geändert. Immer noch sind Übergänge voller möglicher  Brüche.

Neues ja - aber nicht zu viel Neues

Es gilt die Kinder zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass der
Übergang in die Grundschule eine Herausforderung ist, die sie be-wältigen können. Die Bewältigung von Übergängen ist eine Grund-kompetenz für das Leben, das ja voller Umbrüche ist.
(sinngemäß: Bildungs- und Erziehungsplan für Kindertagesstätten in Bayern)

Eine von Soft Step durchgeführte Umfrage bei Kindergartenkindern, Erstklässlern, Viert- und Fünftklässern hat ergeben, dass fast alle sich durchaus auf neue Lehrer, neue Fächer, neue Her-ausforderungen des Lernens freuen. Diesen positiven Erwartungen stehen jedoch auch oft vielfäl-tige Ängste entgegen. Die Häufung von Neuem kann durchaus beängstigend sein:

•    Schulweg, einschließlich längerer Busfahrten, verbunden mit etwaigen
Rangeleien an der Bushaltestelle und im Bus
•    gesamtes schulisches Umfeld, Schulgebäude, Toiletten
•    soziales Miteinander mit neuen Regeln und Ritualen
•    Brüche in den Beziehungen, Freunde, Lehrpersonen

Dazu kommt, dass Brüche und Probleme, die an den Übergängen auftreten, Schülerinnen und Schüler nachhaltig prägen und so nicht selten ungünstige Lernstrukturen aufbauen, die wiederum Ausgangspunkt für negative Persönlichkeitsentwicklungen und Schullaufbahnen sein können.

Es sollte uns gelingen, die neue Situation möglichst so zu gestalten, dass bei allen Veränderungen noch vertraute Strukturen erkennbar sind.

Wesentliche Voraussetzung für eine Zusammenarbeit der Bildungseinrichtungen an den Übergängen ist Wertschätzung der unterschiedlichen Leitbilder

Wichtigste Voraussetzung ist die  gegenseitige Wertschätzung der verschiedenen Bildungseinrich-tungen, die Überzeugung, dass jeder in seinem Bereich engagiert und überlegt arbeitet.

Nicht nach dem Motto: „Was wollen die? ... Die sollen doch erst mal!“ oder „Wir sagen denen jetzt mal, was sie alles falsch machen“. Es ist nun mal so, pädagogische Fachkräfte von vorschulischen Einrichtungen und von verschiedenen Schularten haben unterschiedliche Erwartungen an die Kompetenzen der Kinder und unterschiedliche Auffassungen von den Kindern als Lernenden, sie sind jeweils anderen Ideologien und psychologischen Modellen vom Kind verpflichtet, die in unter-schiedlichen Lehr- und Bildungsplänen, Beziehungen und Settings bzw. Kulturen impliziert sind. Ein Beispiel: Es gibt unterschiedliche Inhalte des gleichen Begriffs, „Projekt“ in der GS ist etwas völlig anderes als ein "Projekt" im Gymnasium.

Gemeinsames Ziel - Projektziele

Das gemeinsames Ziel sollte klar sein: Angesichts der demografischen Entwicklung ist es notwen-dig, jedem Schüler die für ihn  bestmögliche Bildung zukommen zu lassen.

•    Also, vermeiden von Problemen der Anpassung an die Schule, indem wir eine Kontinuität
über die Institutionen hinweg in örtlich/räumlicher, inhaltlicher und personeller Hinsicht entwic-keln,
•    aber auch Diskontinuität sorgfältig beobachten, planen und pädagogisch nutzen. Dazu müs-sen wir zusammenarbeiten nach dem Motto:


No child lost

Begründungen für eine Neugestaltung der Übergänge (im Überblick)

  1. Der demografische Faktor, das Sinken der Schülerzahlen - nach der Studie von Dr. Herbert Tekles im September 2002 auch im Landkreis Hassberge bestätigt -, macht es volkswirtschaft-lich notwendig, dass jeder Schüler die Förderung bekommt, die seinen Fähigkeiten und Bega-bungen entspricht. Für eine optimale Schulbildung können wir uns keine Reibungsverluste und Energieverluste beim Übergang leisten.

  2. Unsere Schulbildung im mehrgliedrigen System ist aber nicht optimal, wenn man die PISA-Ergebnisse vergleicht. Wenn wir davon ausgehen, dass deutsche Kinder auch nicht weniger in-telligent geboren werden als schwedische oder finnische, dann sind unsere Kinder bis 15 Jahre weniger gut gefördert. Außerdem sind die Länder am erfolgreichsten, die weniger Energiever-luste an den Schnittstellen aufweisen, also Übergänge gestalten.

  3. Der Vergleich der PISA-Länder zeigt die Bedeutung der guten vorschulischen Bildung. Damit wird die Kindertagesstätte als Bildungsinstitution besonders wichtig.

  4. Die neuere Gehirn-Forschung bestätigt diese Annahme. Bevor schulisches Lernen gelingen kann, muss das Gehirn hilfreiche Strukturen entwickelt haben, dies zeigt sich in den so genan-ten Vorläufer- oder Anschlussfähigkeiten, die das Kind schon besitzen sollte: Phonolog. Be-wusstheit ist Voraussetzung für den Erwerb der Schriftsprache, Sprachkompetenz ist Voraus-setzung für jegliches fachliche Lernen, Koordinationsfähigkeit  und Körperschema, also Sin-nesschulung und Geschicklichkeitsübungen, all dies muss ausgebildet sein. Das ist spieleri-sches Lernen kein schulisches, aber es ist Lernen. Und diese Lerngeschichte des einzelnen Kindes muss optimal weitergeführt werden. Auch die Bedeutung der Entwicklungsfenster im frühpädagogischen Bereich sollte ernst genommen werden!

  5. Damit muss der Übergang unbedingt feststellen, welche Anschlussfähigkeiten das Kind hat. Und er muss gewährleisten, dass die nächste Bildungseinrichtung anschlussfähig ist, also die Lerngeschichte jedes einzelnen Kindes beachtet und weiterführt.

  6. Integrationsgesetz (Art. 41 BayEUG): "Die Anmeldung eines Kindes erfolgt regelmäßig an der Grundschule, ...". Auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die "aktiv am Unter-richt der Grundschule teilnehmen können", bald auch 5-jährige, sollen in der Grundschule ge-fördert werden. Dazu ist es wichtig, dass die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes bekannt sind. Vor 20 Jahren haben wir uns beim Übergang mehr um die soziale und emotionale Ent-wicklung eines Kindes gekümmert. Das ist eine neue Dimension.

  7. Der neue Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung  (Fthenakis im Internet, Lehrstuhl für Frühpädagogik an der Uni München – siehe Abschnitt II „Gesetzliche Bestimmungen“) berücksichtigt diese neue Dimension. Er widmet der Zusam-menarbeit zwischen Grundschule und Kindertagesstätte ein eigenes Kapitel.   

    Neuerungen:
  • Mitwirkung der Schüler der 2. /3. Jgst., wie ältere Geschwister, Spiele
  • Kreative neue Formen der Zusammenarbeit wie:

- Lehrer geben Kurse im Kindergarten (Sprachkurs siehe Haßfurt)
- ErzieherInnen im Unterricht der ersten Wochen
- Eltern viel weitgehender einbeziehen


In diesem Bildungsplan wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Übergänge große psychische Herausforderungen darstellen. Da das Leben der jetzigen Kindergartenkinder sehr viel mehr Veränderungen erfahren wird als unseres, ist es notwendig, so früh als mög-lich zu lernen, dass Veränderungen Chancen beinhalten und keine Angst machenden Ka-tastrophen sind. Das bedeutet, den Übergang  mit den Kindern pädagogisch zu gestalten und Kindern und Eltern zu helfen, ihn bewusst zu durchlaufen und nicht nur passiv zu er-leiden.

Fazit:

Wir müssen unsere Übergänge so gestalten, dass wir die Lerngeschichte - also die soziale, emotionale und intellektuelle Entwicklung - des Kindes kennen und durch alle Bildungsinstitutionen dokumentieren können, damit wir Kinder effizient und ohne große Reibungsverluste da abholen, wo sie stehen, bzw. schon zwischen Aufnahmetag und Schulbeginn gezielt fördern können. Das macht eine intensive Zusammenarbeit dringend notwendig.

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